Das wunderbare Bild des österreichischen Malers Arik Brauer mit dem Titel „Sommernacht“ könnte genauso gut „Intensivstation“ betitelt sein. Man könnte seine Bildinhalte gut als den Styx, den Fluss der Unterwelt, lesen, darauf einen Schiffer, Charon vielleicht, weiters eine todgeweihte Person und zwei Helferfiguren, die diese als Reisebegleiter betreuen und den Schiffer zur Umkehr bewegen wollen. Das Abbild dessen also, was in Intensivstationen tagtäglich geschieht.
Die Hochachtung vor der Medizin gebietet mir, mich dem Thema Intensivstation über die mir gemäße Schiene anzunähern, die Wortbedeutung. Und diese zeigt bereits die ganze Ambivalenz des Begriffes:
„Intensiv“ bedeutet lt. Duden nämlich nicht mehr und nicht weniger als:
a) „Gründlich und auf die betreffende Sache konzentriert“ (das sind wohl alle auf IS arbeitenden Menschen).
b) „Stark, kräftig, in Bezug auf Sinneseindrücke: durchdringend“ (so empfindet der Patient alle seine Wahrnehmungen und alles, was ihn umgibt).
Ich kam wie alle PatientInnen (das heißt übrigens „Erduldende“) als letztere, als Wahrnehmende, als Rezipientin, als Ahnungslose, von außen. Ahnungslos zieht man ein (oder „wird eingezogen“) und fast ebenso ahnungslos zieht man - im glücklichsten Fall - wieder aus. Und dazwischen stellt sich für den Intensivpatienten seine Welt auf den Kopf.
Ich kam als sehr gesunder Mensch, als Mutter eines kleinen Buben, die Krankenhausgeschichten, zumal intensive, nur aus Erzählungen kannte, aus einer Prise „Emergency-Room“ vielleicht noch, nicht einmal aus Arztromanen. Keine lange Krankengeschichte hier, ganz kurz nur, damit das Unvermittelte, Unerwartete deutlich wird und die medizinischen Rahmenbedingungen, auf denen ich so von einer Stunde auf die andere auf eine Intensivstation geschlittert kam:
SSW 38, Oberbauchschmerzen, Erbrechen, Blasensprung, Sectio bei drohender Uterusruptur, 6 Std. Aufwachraum, dann starke Blutungen, OP I (Uterusexstirpation, Tubenteilresektion li.) wegen HELLP-Syndrom1 post partum, AKH, dort OP II (Verschorfung und doppelte Ligatur der Arteria iliaca interna).
Sonntag, insgesamt 4 Tage später, bin ich also wieder aufgewacht in einem anderen Spital, auf der IS, intubiert, kein Kind weit und breit, nur ich!
Im Folgenden möchte ich eine Chronologie des Chaos versuchen, in dem sich ein IS-Patient befindet, und diesem Unternehmen zwei Maximen voranstellen:
• Der/Die IS-Patient/in ist nicht plötzlich verblödet!
Er/sie ist nur langsam, das aber auch im Hirn!
• Der/Die IS-PatientIn leidet!
Vielleicht manchmal mehr an der Angst in seiner/ihrer Seele - als an den Schmerzen in seinem/ihrem Körper!
1. Tag: Der Kampf gegen Träume und Tubus und ums Überleben
a) Es kommt nach dem Aufwachen zur ersten Begegnung mit der Realität, zur primären Verortung.
Wann ist das Bewusstsein wieder da? Wann beginnt Wirklichkeit? Achtung!! Das markante „Plopp“, das diesen Übergang ins Leben markiert, hört nur der Patient! Der aber hört es und wird diesen Ton nie mehr vergessen.
„Traum und Wirklichkeit“ dessen, was hinter dem Patienten liegt, die „bewusstlose“ Zeit, verschwimmen mit den ihn umgebenden Realitäten: Er hat in der Zeit seines Komas manches wahrgenommen (OP-Saal-ISS, Bewegungen, Transport, vgl. dazu mein Buch: "Hellp! Eine Albtraumnovelle oder ein Lehrbuch über ein Syndrom“, Klosterneuburg: Edition Vabene, 2003) und vermischt dieses mit seinen medikamentös bedingten Visionen/Träumen zu ungeheuerlichen, erschreckenden, verwirrenden, Angst einflößenden, weil oft sehr realistischen Szenarien. Er hält/ nimmt diese unbedingt für wahr, ist sehr überzeugt und auch überzeugend in dem, was er erzählt. Ihn plagen Todesängste, manches ist wie im Film (Horrorschocker oder Krimi), manches wie im Traum.
b) Die ersten Körperwahrnehmungen sind keine angenehmen:
Einlauf, Umziehen, Umbetten, Waschen, das sind für ihn lauter neue Rituale. Zuerst ist man nur Mensch. Patient wird man erst mit der Zeit. Die primäre Verortung und Zeitwahrnehmung ergibt für den Patienten oft keinen Sinn: Was ist in den letzten Tagen passiert? Vielfaches Unwohlsein, diffuse Schmerzen, grelles Licht und schrille, unbekannte Töne zerren an den Nerven. Besonders verschärft und peinigend ist all dies, wenn und solange man sich nicht wirklich verständlich machen kann. Der Patient kennt sich nicht aus, besteht nur aus Angst, Konzentration und Schwäche und fühlt sich bedroht. Noch gibt es kein wirkliches Interesse für Hintergründe und Konsequenzen, nur Wahrnehmung und überleben wollen!
BITTE: (Und Ihr Patient ist „ganz Ohr“, seien Sie sicher!)
• Erklären Sie ihm, wo er ist? Warum er da ist? Seit wann er da ist? Bis wann er vielleicht bleiben wird? Wer noch im Raum ist?
• Erklären Sie auch die Reihenfolge dessen, was passiert.
• Der Patient geht nur von sich aus! Seine Fähigkeiten zur Empathie sind stark eingeschränkt, Ihre hingegen sind Labsal für ihn. Nicht Ihr Mitleiden, wohl aber Ihr Mitfühlen hilft ihm. Nie werde ich die braunen Augen der Intensivpflegerin meines ersten Tages vergessen und ihr ruhiges Wohlwollen.
• Gutes tun hilft ungemein, verankert in der Realität. Die mit Tixo an der Lampe oberhalb meines Kopfes fixierten Photos meiner Kinder waren erste Verortungen im Jetzt.
• Seine gestörte Verdauung, allfälliges Erbrechen, Abhusten von Schleim sind schmerzhaft und ihm peinlich! Nacktheit ist auch für einen IS-Patienten eine Bloßstellung!
• Bereiten Sie ihn auf Geschmack und Folgen von Medikationen vor!
c) Dem Patienten zu helfen, mit seinem TUBUS zu überleben ist viel wichtiger, als ihm einen Einlauf zu geben!
• Die erste Wahrnehmung ist: „Ich krieg wegen dem Ding da keine Luft!“ (Was ist da überhaupt? Will man mich quälen? Wer? Warum?)
• „Ich kann das niemandem sagen!“
• „Ich werde daran sterben und keiner von euch merkt es!“
Tausende Fragen rasen herum, ein ungemein fremder, würgender Druck ist da, oft genau da, wo man den Reiz beinahe nicht erträgt (vergleichbar dem Gefühl des zu weit nach hinten gerutschten Absaugrohres beim Zahnarzt), Schleim und Tränen, Angst, nicht reden und erklären können führen zu echter Todesangst!
BITTE:
• Die Lage des Tubus leicht verändern (zeigen, wie, Tipps)!
• Erklären Sie, dass Sie wissen, dass der Patient Todesangst hat!
• Erklären Sie, warum der Tubus da ist, wo er ist, wie lange er im Hals bleiben wird und wie er da wieder herauskommen wird!
• Geben Sie dem Patienten die Sicherheit, dass er nicht daran sterben/ersticken kann, sondern, dass er bewacht und beschützt ist.
• Schauen Sie Ihrem Patienten dabei in die Augen, so oft wie möglich!
• Versuchen Sie, ihm mitzuteilen, dass Sie wissen, wie er fühlt (dann muss er es Ihnen nicht sagen, fühlt er sich wahr- und ernst genommen, und verstanden)!
• Und alles das noch einmal wiederholen und dann noch einmal und noch einmal. Der Patient ist überfordert und er weiß es! (Vielleicht ärgert er sich sogar darüber.)
2. Tag: Verwirrende Wahrnehmungen und irre Visionen, reduziert auf sich selbst
a) Personal, Kleidung, Behandlung werden rein äußerlich wahrgenommen. Man beginnt Rituale zu beobachten, macht sich aber seinen eigenen, oft falschen Reim darauf!
„Graust denen vor mir? Warum wechseln sie dauernd Handschuhe? Bin ich ansteckend? Wozu dient dieser seltsame Gummifingerhut? Warum muss ich eigentlich so frieren?“ Die erste Mobilisierung ist niederschmetternd. Ein fahles Gespenst auf unsicheren schwankenden Beinen und einknickenden Knien! Wo ist der Mensch, der ich kürzlich noch war?
b) Akustische und visuelle Visionen plagen den Patienten:
Ich z. B. hörte Marschmusik in Moll und bildete mir eine marschierende Faschingsgilde ein. Ich sah unheimliche Farben, irre Tänze, Lagerfeuer, meinen kleinen Buben dazwischen. Dazu roch ich Zigarettenrauch und Knoblauch.
Man ergänzt diese Wahrnehmungen zu ganzen Erlebniseinheiten, Filmsequenzen vergleichbar: Ich beobachte etwa eine seltsame Putzfee und eine wüste Schimpferei gegen eine demütig kniende Schwester - alles niemals wirklich Dagewesenes. Geholfen hat mir, als mein Arzt mir erklärte, diese Verwirrungen seien dem Chillout nach einem schweren Drogenrausch vergleichbar und das gehe sicher vorüber.
BITTE:
• Sagen und erklären Sie dem Patienten, dass dieser verwirrende, beängstigende Zustand „normal“ ist! Und dass das wieder vorbei geht!
• Klären Sie freundlich auf; belächelt zu werden, irritiert den Patienten sehr und ignoriert werden, kränkt ihn: Sagen Sie: „Das haben Sie geträumt! Das ist in Wirklichkeit nicht so!“
• Wiederholen Sie das immer wieder!!! Und lächeln sie dabei an, wenn es geht! Aber lachen Sie niemals aus.
3. Tag: Essen, Trinken, Sehen, Interesse für andere und den eigenen Fall
Langsam stellt sich Routine ein: Man erkennt die Abläufe (Aufwachen oder Gewecktwerden, Waschen, Pflaster- und Nadelwechsel, Trinken...). Durch die beunruhigenden Beobachtungen bei Behandlungen anderer Patienten (einer schrecklichen Thoraxpunktion etwa) bemerkte ich plötzlich, dass ich selber so ein „intensiver Fall“ war, mit Monitor und so weiter. Vieles ist unverständlich! Was bedeuten die Lichter und Signale und Skalen? Was heißt Douglas? Und was Drain?
BITTE:
• Immer noch und immer wieder: Möglichst viel erklären!
• Das Personal wird als Team wahrgenommen; es gibt feine und nicht-feine Pfleger; nette und nicht-nette! Und aus! Feinere Differenzierungen in der Wahrnehmung, Verständnis für das Handeln anderer sind - noch - fast nicht möglich, so unfair ist der Intensivpatient.
• Die Außenwelt mit ihren Themen und Sorgen (in meinem Fall etwa die plötzliche Sorge um die Finanzierung des Krankenhausaufenthaltes) tritt wieder ins Blickfeld. Ablenkungen, und sei es irgendein TV-Programm, sind fast so wunderbar wie ein simples Erdbeerjoghurt.
• Die medizinische Realität der eigenen Situation beginnt zu interessieren, „Was ist geschehen?“ „Deine Gebärmutter wurde entfernt.“ Die Konsequenzen daraus werden auf später verschoben! Der IS-Patient ist sehr ökonomisch in seiner Emotionalität.
4. Tag: Startvorbereitungen und „Go“!
Nachdem die vermaledeite Verdauung endlich funktioniert (oder so was Ähnliches jedenfalls, eigenartiger Parameter übrigens für den Status „gesund)“, die Magensonde entfernt ist oder wird, geht es in die Vorbereitungen für die Übersiedlung auf „Normalstation“ (was bitte ist schon normal???). Zum Glück ist das „Packen“ meist kein großes Thema: Ein Photo, ein Taschentuch, ein Labello vielleicht... auf IS kommt man oft mit keinem Gepäck).
„Also, passen Sie auf: 1.) 2.) 3.) ......Alles klar? Fein, dann also auf Wiedersehen!!“ („Bitte, wie war das, und bitte nochmals, ich hab’s nicht verstanden! Woran muss ich denken? Was muss ich wem sagen? Was darf ich morgen noch nicht? Wie viel davon? Und wann?????“
Und Abmarsch: „Da ist Ihre Akte, Ihre Strümpfe lassen wir Ihnen. Und jetzt Auf Wiedersehen!“
„Halt! Halt! Wissen die anderen dort irgendwo denn überhaupt alles, was mit mir ist, und was notwendig ist? Wissen die eh, dass ich komme? Gibt’s dort auch ein Bett für mich?“
Und aus! Und die wohl wahnsinnigste und intensivste Zeit eines Durchschnittsmenschen endet so plötzlich, wie sie begonnen hat. Selten kehren IS-Patienten zurück und erzählen, wie es ihnen damals ging und nun geht.
Nur diese Rückmeldung aber kann dazu beitragen, dass die Zäsur IS im Leben von Patienten als solche erkannt und vielleicht in Zukunft schonungsvoller und leichter bewältigbar gestaltet werden kann. In diesem Sinne noch einmal - kursorisch und doch - meine Anregungen für eine mögliche IS.
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