Der zwingende Ernährungsbedarf kritisch kranker Patienten mit einer notwendigen frühen, kalkulierten und zielorientierten enteralen/parenteralen Ernährung findet seine Rechtfertigung in der evidenten Reduktion der Letalität, der verkürzten Hospitalisationsdauer und der verbesserten Erholung intensivpflichtiger Patienten. Während die Evidenz für die Makronährstoffe unumstösslich geworden ist, bedürfen die Mikronährstoffe und die Gabe verschiedener Einzelsubstanzen aus dem Bereich der Makronährstoffe (z. B. Glutamin und Fettsäuren) einer weiteren detaillierten Bestätigung. Diese Bestätigung, welche in aktuellen klinischen Studien gesucht wird, wird jedoch dadurch erschwert, dass die Kombinationen, die Dosierungen, der Beginn und die Dauer der Gabe sowie die Indexpatienten noch unklar sind.
Die Zukunft muss uns zeigen, ob die verschiedenen Substanzen nur zur Prophylaxe auch bei normalen endogenen Spiegeln oder ausschliesslich zur Therapie bei unzureichenden Spiegeln gegeben werden müssen. Unklar ist auch, ob eine Korrektur auf normale Spiegel oder auf hochnormale Werte zu erfolgen hat. Der verstärkende oder potentiell konkurrenzierende Einfluss der gleichzeitigen Gabe der verschiedenen Einzelsubstanzen und der zugrundeliegenden mannigfaltigen enteralen und parenteralen Ernährung muss ebenfalls bestimmt werden.
Die Substanzen, welche heute intensiv beforscht und auch kontrovers diskutiert werden sind das Selen, das Glutamin und die Fettsäuren mit ihrer noch unklaren optimalen Zusammensetzung. Zur Klärung des Stellenwertes der Prä-, Pro- und Synbiotika im Bereich der Therapie intensivpflichtiger Patienten werden ebenfalls Untersuchungen mit kontrovers diskutierten Resultaten durchgeführt. Auch hier scheint die Konzentration und die Art der gewählten Biotika von entscheidender Bedeutung zu sein.
Die zunehmend ins intensivmedizinische Rampenlicht tretenden Substanzen zeichnen sich durch ihre mannigfaltigen und differenzierten Wirkungen aus, welche sich auch partiell ergänzen. Neben den antioxidativen Angriffspunkten (Selen, Glutamin) dienen die verschiedenen Substanzen der Stärkung des Immunsystems und der inflammatorischen Antwort (Glutamin, Biotika, Fettsäuren), der Membranstabilisierung (Fettsäuren), der hormonellen Stabilisierung (Selen, Glutamin) und der Proteinsynthese (Glu- tamin, Selen).
Im Rahmen des geplanten Symposiums „Schlüsselsubstrate beim kritisch Kranken“ am 17. November 2010 im UniversitätsSpital Zürich sollen die neuesten Erkenntnisse zum Einsatz von Fetten, Selen, Glutamin und Prä-, Pro-, Synbiotika präsentiert und die Kontroversen rege diskutiert werden. Von zentraler Bedeutung ist hierbei die Frage: Für wen ist was, wann, wie lange, wie hoch und in welcher Kombination notwendig? Der Nutzen muss überwiegen und eine allfällige Schädigung muss vermieden werden.
Die Entwicklung eines allgemeingültigen Ernährungskonzeptes wird durch die Definition von genauen Indikationen für die Gabe der Einzelsubstanzen ergänzt und ggfs. auch ersetzt werden müssen. Diese Entwicklung findet aktuell statt und verleiht der klinischen Forschung im Bereich der enteralen und parenteralen Ernährung inkl. der Gabe von Schlüsselsubstraten die spannende Würze.
PD Dr. med. John F. Stover
Leitender Arzt
Leiter Forschung Chirurgische
Intensivmedizin und stv. Leiter
Intensivstation für Unfallchirurgie
und Intensivstation für Brandverletzte
Chirurgische Intensivmedizin
UniversitätsSpital Zürich
john.stover@access.uzh.ch
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