INTENSIV-NEWS - Schweiz Ausgabe 4/10

Buchrezension: Interdisziplinäre Notaufnahme - Ein Ratgeber für Aufnahme und Bereitschaftsdienst

Albrecht Francke, Christoph Josten, Andreas Thie (Hrsg.) / Thieme-Verlag 2010


Liebe Leser, wollen Sie Antworten auf folgende Fragen: Was erwartet einen Arzt in der ZNA und im Bereitschaftsdienst? Wie wird aus einem unklaren ein klares Krank­heitsbild? Wie fügt man Angehörige aller beteiligten Fachabteilungen zu einem funk­tionsfähigen interdisziplinären Notfallteam zusammen? Wie kann man Pro­zess­abläufe so gestalten, dass die Patienten fachlich, zeitlich und menschlich auch in Extremsituationen optimal versorgt werden? Wie geht man mit Schnitt­stellen zum Rettungsdienst, zu niedergelassenen Ärzten und Krankenhausabteilungen um? Wie kann man sich vor medizinischen, juristischen und ökonomischen Fallstricken schützen?  

Wenn Sie Antworten auf diese Fragen haben wollen, so die Autoren dieses Ratgebers, dann finden Sie diese in dem vorgelegten Taschenbuch „Interdisziplinäre Notaufnahme“.
Die drei Autoren, alle erfahren in der Not­aufnahme und interdisziplinär orientiert, haben dieses Buch in erster Linie für junge ärztliche Kolleginnen und Kollegen in der Zentralen Notaufnahme geschrieben. Für diese Kollegen sind die anfangs formu­lie­r­ten Fragestellungen von ganz besonderer Relevanz. Auf 359 Seiten im praktischen Taschenbuchformat, im Mehrfarbendruck sehr anschaulich strukturiert und gut bebildert, versuchen die Autoren, ihren Le­sern Antworten auf die gestellten Fragen zu geben.

Das äußerst umfangreiche Gebiet der Notfallmedizin wird dabei übersichtlich in 21 Kapiteln abgehandelt, mit Themen, wie „Ele­mente, Funktionsweise und Organisation einer Notaufnahme“, „Über den Umgang mit der Angst“, „Stra­te­gien bei der Reanimation“, sympto­menorientierte Kapitel der Unfallchirurgie, der Inneren Medizin, der Neurologie und der Orthopädie. Fächerübergreifend wich­tige Kapitel sind die­jenigen über „Alkohol und Drogen“, „Kleine Psychiatrie für Aufnahmeärzte“, „Über den Umgang mit sozial­medizini­schen Problemen“, „Medizin und Ökonomie: der rationelle Umgang mit Ressourcen“, „Super-GAU - der Massen­anfall von Verletzten oder Erkrankten“, „Kollegiales und Unkollegiales“, „Bemer­kungen über den Tod“.

Sieht man sich die einzelnen Kapitel an, so merkt man, wie viel Erfahrungen der Autoren zusätzlich zu dem Fachwissen in dieses Büchlein eingeflossen sind. Mit Freude habe ich zum Beispiel den Abschnitt „Thoraxschmerz“ auf Seite 102 und 103 gelesen mit Hinweisen auf die untypi­schen Thoraxschmerzen „... ich kann Ihnen nur empfehlen, beim Thoraxschmerz beim geringsten Zweifel auf ‘Nummer sicher’ zu gehen“, bei den Spezifika von Patientinnen mit Thoraxschmerz „Seien Sie ganz besonders bei Frauen auf der Hut!“ und bei der Uneinsichtigkeit von Patienten mit Thoraxschmerz. „Sichergehen bedeutet in der Regel eine achtstündige Monitor-Überwachung mit je 2 Kontroll-EKGs und Blutentnahmen. Wenn der Patient das nach sachgemäßer Aufklärung nicht wünscht, sichern Sie sich unbedingt durch ein Revers ab, ... andererseits weiß der Erfahrene auch, dass diejenigen Patienten, die wenige Minuten nach der Aufnahme defibrilliert werden mussten, nicht selten zu Fuß oder mit dem eigenen PKW ge­kom­men sind und nur mal eben Ihren Rat einholen wollten.“

Diese Wissensvermittlung findet der Leser auch in den anderen Kapiteln, sie ist vor allem für den Anfänger aufgrund der sehr persönlichen, auf praktischer Erfahrung beruhender Didaktik besonders hilfreich.
Auch die instruktiven, aktuellen Algorithmen, die prägnanten Abbildungen und die Fallbeschreibungen zur Differentialdia­gnostik helfen dem Anfänger, rasch fun­diertes Wissen für die Zentrale Notaufnahme zu erwerben.

Natürlich gibt es in jedem Buch Dinge, die man auch kritisieren kann. Ich möchte aber nicht kleinlich sein und auf kleine Mängel hinweisen, welche aber keinesfalls den sehr positiven Gesamteindruck dieses Buches trüben können. Mit Bedauern habe ich allerdings festgestellt, dass die ambulant erworbenen Infektionen, einschließ­lich der ambulant erworbenen Sepsis, in diesem Buch nicht zu finden sind, zumindest taucht die „Sepsis“ überhaupt nicht im Register auf. In Anbetracht der Tatsache, dass auch bei der Sepsis das sehr rasche Handeln essentiell ist - die Leit­linie erwartet den Beginn der Antibio­tika-Therapie innerhalb der ersten Stunde nach Diagnosestellung der Sepsis und auch die rasche Vo­lumensubstitution zur Kreislaufstabilisierung - erscheint mir das Potential der lebensrettenden Sepsistherapie auf vielen Notaufnahmen noch nicht adä­quat ausgenutzt. Hier wäre ein ent­spre­chendes Kapitel sehr hilfreich gewesen.

Mein Fazit:
Ein Ratgeber, den man jedem Anfänger auf der Zentralen Notaufnahme guten Gewissens ans Herz legen kann. Ein Buch, das nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch die langjährige Erfahrung der Autoren.

  
Prof. Dr. med. K. Werdan
Hallle (Saale), 7.4.2010 

 
 

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