La Paz, Bolivien 7.00 Uhr Ortszeit. Alle sehen müde aus. Vor 25 Stunden sind wir in Frankfurt losgeflogen. Der Zwischenstopp in Miami hat schon allein 6 Stunden gedauert. Doch jetzt geht´s erst richtig los. Die bolivianischen Zollbeamten sehen grimmig aus. Wir haben eigentlich nichts zu befürchten, doch in Lateinamerika sieht man vielleicht die Dinge etwas anders. Alle Kisten sind zum Glück unbeschadet da und wir werden vom Zoll durch- gewunken. Uns fallen viele Steine vom Herzen, denn beim letzten Einsatz in Ecuador, fehlten wichtige Kisten mit Instrumentarien und Verbandstoffen.
Wir, das sind:
• Dr. Martin Schwarz, Plastischer Chirurg, Freiburg / Teamleiter
• Dr. Helmut Beerenskötter, Kinderchirurg, Freiburg
• Dr. Diana Bierawski, Anästhesistin Erfurt
• Christiane Engstfeld, OP-Pflege, Freiburg
• Dirk Bierawski, Anästhesie-Pflege, Erfurt
Wir alle sind Mitglieder von Interplast-Germany e.V., ein gemeinnütziger Verein, der in Entwicklungsländern unentgeltlich plastisch-chirurgische Operationen durchführt. Die behandelten Patienten leiden unter Gesichtsfehlbildungen, Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten, Handfehlbildungen, schweren Verbrennungsnarben, Tumoren der Haut und des Kopfes, Defekten durch Unfälle oder Kriegsfolgen und sonstigen Erkrankungen, die in das Fachgebiet der Plastischen Chirurgie fallen. Ziel ist es, die Patienten in die Lage zu versetzen, ein sozial integrierter Teil ihrer Gesellschaft zu werden.
Schon nach wenigen Minuten spüren wir die dünne Luft „hier oben“. Der Flughafen von La Paz liegt auf 4.200 m Höhe. Ohnehin schon kurzatmig wird jedes Gepäckstück zur Qual. Wir werden von den bolivianischen Kollegen herzlich empfangen und zunächst in unsere Unterkunft in den tiefer gelegenen Teil von La Paz gebracht. Hier auf 3.400 m und bei einem Coca-Tee können wir uns zumindest etwas erholen. Es folgen erste Lagebesprechungen mit den Rotariern, welche den Einsatz hier vor Ort organisieren. Seit einigen Tagen laufen im Radio und im TV Werbespots, um Patienten für uns zu rekrutieren.
Jeder Interplast-Einsatz ist in hohem Maße von engagierten Helfern vor Ort abhängig. Alles Engagement der ehrenamtlichen Interplast-Mitglieder nützt nichts, wenn nicht am Einsatzort jemand die Fäden in der Hand hält. Es muss eine passende Klinik gefunden werden, die Kontakte zu den Behörden, den Medien und letztlich zu den Patienten müssen hergestellt werden. Wie in den meisten Entwicklungsländern gibt es auch in Bolivien nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung eine Krankenversicherung. Alle Nichtversicherten haben in der Regel keine Aussicht auf Behandlung, da sie diese schlichtweg nicht bezahlen können. Besonders bei angeborenen Fehlbildungen und bei schweren Verbrennungen bedeutet das für die Betroffenen, meist nicht mehr selbst für sich sorgen zu können. Zudem stellen diese Befunde selten eine vitale Bedrohung dar, sodass es für die Kliniken vor Ort keine unmittelbare Pflicht zur Behandlung gibt. Interplast bietet diesen Menschen eine vielleicht einmalige Chance, operiert zu werden.
Am nächsten Morgen fahren wir nach El Alto ins Kolping-Hospital. El Alto ist ein riesiger Vorort mit einer Million Einwohner. El Alto bedeutet „Die Höhe“ und da der Ort auf 4.200 m liegt, verschlägt es uns Gringos ganz schön den Atem. In den Straßen drängeln sich den ganzen Tag die alten, verbeulten Autos. Scheinbar endlos hupend verschafft man sich Platz. Dazwischen hektisch dahin eilende Bolivianos, meist Indio-Frauen mit ihren typisch weiten Röcken und dem viel zu kleinen Bowler-Hut auf dem Kopf. In der Luft schweben Gerüche nach Gewürzen und Gebäck, Diesel und Abwasserkanälen. Es ist berauschend und atemberaubend - im wahrsten Sinne.
Wir erreichen das Krankenaus. Die Fassade ist in frischem Orange getüncht und auch innen wirkt alles gut aufgeräumt, eigentlich gar nicht lateinamerikanisch. Hier werden wir also in den nächsten 2 Wochen arbeiten. Vor den Behandlungsräumen warten schon die ersten Patienten auf uns. Die meisten sind Indios und es ist ihnen unschwer anzusehen, dass sie nicht viel mehr besitzen als das, was sie am Leibe tragen. Sie sehen freundlich aus, doch richtiger Blickkontakt kommt nur selten zustande. Zu groß ist die Scheu vor uns Fremden. Wie wir später erfahren, waren einige von ihnen über zwei Tage unterwegs hierher.
An den ersten beiden Tagen sehen wir 170 Patienten. Alle werden mit Namen, Adresse, Befund und Foto dokumentiert. Die Palette reicht vom eingewachsenen Zehennagel über Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalte bis zum schweren Schädeldachdefekt nach Verkehrsunfall. In den 2 Wochen können wir maximal 100 Patienten operieren. Manche Befunde sind zu wenig funktionseinschränkend, um eine OP zu erfordern, die OP-Kapazität muss für schwerwiegenderes reserviert werden. Wichtiger sind etwa starke Kontrakturen nach Verbrennungen an Armen, Beinen oder oft auch am Hals. In den ärmlichen Hütten der Menschen hier wird oft mit Kerosin-Kochern oder gar auf dem offenen Feuer gekocht. Die dünnen Kleider der Frauen brennen leicht, und schon ist es passiert. Bis Patienten aus ländlichen Gebieten das erste Mal versorgt werden, vergehen meist Tage, Wochen oder gar Monate. Entsprechend ausgeprägt sind die Vernarbungen nach so langer Zeit. Die Hände sind bisweilen so stark verändert, dass die Finger nur noch zu erahnen sind.
Während unsere 3 Ärzte noch beim Screening sind, richten Schwester Christiane und ich schon den OP her. Seine Einrichtung ist leider nicht so frisch wie die Farbe der Außenwand. Die OP-Lampe hat große Rostflecke und elastische Binden verhindern ein selbstständiges „Umherfahren“ der Lampe an der Zimmerdecke. Der Sauger, der Sterilisator und das Monitoring sind mit kleinen Reparaturen okay. Das Narkosegerät vom Typ „Takaoka“ stammt aus Brasilien und ist mindestens 20 Jahre alt. Bei einem Sulla wäre das ja auch kein Problem gewesen. Hier jedoch funktionieren weder die maschinelle Beatmung noch die Narkosegasrückführung noch die Narkosegasabsaugung. Die O2-Zufuhr wird über riesige Flaschen, welche ebenfalls im OP stehen, sichergestellt. So sind wir gezwungen, ausschließlich TIVA-Narkosen (Total IntraVenöse Anästhesie) in Spontan-bzw. Handbeatmung durchzuführen. Zum Glück ist die Apotheke der Klinik sehr gut ausgestattet, sodass der Nachschub an Propofol reibungslos klappt. Der Trend ist es ohnehin, die Medikamente vor Ort zu kaufen. Das ist meist kostengünstiger und erspart einem den Ärger beim Zoll.
Die Apothekerin nimmt gelassen den Bestellzettel entgegen und nickt zuversichtlich. Überhaupt sind alle Mitarbeiter sehr hilfsbereit. Wir versuchen bei jedem Einsatz das einheimische Personal in das Geschehen einzubeziehen. Trotz unserer eher spärlichen Spanischkenntnisse klappt die Konversation meist gut und für schwierige Verhandlungen gibt es hier einen Arzt, der recht gut Deutsch kann.
Die größte Herausforderung unseres Einsatzes fand am 5. Tag statt. Die 21- jährige Madeleine erlitt vor ca. einem Jahr in ihrer Heimatstadt Cochabamba schwerste Verletzungen bei einem Verkehrsunfall (Abb 3). Während sie mit ihrem Kind und ihrem Mann auf einem Motorroller fuhr, versuchten Jugendliche aus einem überholenden Auto ihr die Umhängetasche zu stehlen. Madeleine wurde vom Motorroller gerissen und mehr als 30m über den Asphalt mitgeschleift. Dabei riss die rechte Gesichtshälfte bis auf die Nasennebenhöhlen auf. Ober- und Unterkiefer sowie die Augenhöhle waren stark in Mitleidenschaft gezogen. Wie durch ein Wunder überlebte die junge Frau den Unfall und konnte in einer Spezialklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Cochabamba versorgt werden. Die riesige Wunde wurde dabei gesäubert und mit einer Vollhautplastik versorgt.
Unser Teamleiter Martin Schwarz hatte schon vor unserer Reise nach Bolivien mit den Ärzten in Cochabamba Kontakt aufgenommen. Eine 2. OP zur Korrektur der Lappenplastik sowie zur Verbesserung des Mundschlusses wurden vereinbart. Ebenfalls sollte ein Abdruck der Gesichtshälfte zur Herstellung einer Epithese (kosmetischer Ersatz eines fehlenden Körperteils) angefertigt werden.
Ihre behandelnde Chirurgin aus Cochabamba Dr. Alina war ebenfalls anwesend und sollte Martin assistieren. Da sich der Mund nicht weiter als 1 cm öffnen ließ und uns für eine endo-
skopische Intubation jegliches Equipment fehlte, entschlossen wir uns zur Platzierung einer Larynxmaske. Das ging besser als erwartet und so konnte die geplante OP reibungslos stattfinden. Nach 3 Stunden OP und einer Nacht im Überwachungszimmer des Spitals hielt Madeleine ihren 3-jährigen Sohn und ihren Mann wieder in den Armen und lächelte, so gut es eben möglich war. Unsere größte Sorge war eine postoperative Infektion. Personell aufwendig (da sonst nie solch schwere Fälle versorgt werden) und medizintechnisch schloss sich eine adaptierte Intensivtherapie an. Die Gabe von Sauerstoff war schwierig, weil auch ein Beatmungsgerät nicht verfügbar war. Infusionen, iv-Applikation von Medikamenten oder Ernährung/Körperhygiene etc. wurden eine echte Herausforderung. Nach drei Tagen hatten wir Gewissheit, dass alles gut verlaufen war. Die Epithese ist inzwischen in einer Werkstatt in Freiburg hergestellt und anschließend nach Cochabamba gesendet worden.
Fälle wie der von Madeleine aber auch die vieler, vieler anderer machen einen Einsatz wie diesen zum Erfolg. Nach den 2 Wochen hier in El Alto sind wir alle ziemlich fertig, aber doch überaus glücklich. Keiner von uns hat je die Urlaubstage und Aufwendungen bereut, die er hierfür hingegeben hat.
Als wir am letzten Tag die Klinik verlassen, stehen einige der von uns versorgten Patienten sowie Krankenschwestern und Ärzte des Hauses auf dem Hof, um uns Lebewohl und nochmals Dankeschön zu sagen. Zutiefst gerührt und mit Tränen in den Augen verabschieden wir uns und fahren in Richtung Flughafen.
Wieder zurück in Deutschland heißt es, die Spendenkassen wieder zu füllen. Für einen Einsatz von 2 Wochen benötigt man zwischen 10.000 und 15.000 Euro. Die einen veranstalten hierzu Benefizkonzerte, die anderen stellen Kalender her und verkaufen sie. Für jeden aber ist die tägliche Arbeit nicht mehr dieselbe. Immer wieder denkt man an das Erlebte zurück und wundert sich über so manches Klagen hier.
Dirk Bierawski
Dr. Diana Bierawski
Interplast-Germany e.V.Erfurt
dirk.bierawski@helios-kliniken.de
www.interplast-germany.de
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