Schweiz - Ausgabe 1/10 

Alles Gender?

Influence du genre


Der Begriff Gender taucht seit geraumer Zeit überall auf, er ist aber mehr als nur ein Modewort.  Kurz erklärt: „Gender“ ist das soziale Geschlecht, bezeichnet die Geschlechtsidentität des Menschen als soziale Kategorie. Wer mit Gender den biologischen Unterschied zwischen Mann und Frau ausradieren will, hat die Grundidee nicht verstanden.
Dass Gleichstellung und Chancengleichheit wichtig sind, dass jeder Mensch nach seinen Wünschen leben kann und soll, kann niemand leugnen.
Wie sieht es nun mit dem Verhältnis von Geschlecht und Arbeit aus? Was bedeutet Chancengleichheit in einem frauendominierten Beruf wie der Pflege? Gender-Mainstreaming ist aus der Pflege nicht mehr wegzudenken. In einem Bereich, in dem der Frauenanteil sowohl bei Pflegenden als auch bei Gepflegten bei weitem überwiegt, in dem mehr als 90% der Pflegeleistungen von Frauen übernommen werden, kann die Gender-Perspektive nicht unberücksichtigt bleiben. Kurz gesagt und vorweggenommen: Pflege ist weiblich, die operative Führung ist weiblich, aber die strategische Führung ist männlich besetzt.
Aus einer Umfrage unter Mitarbeiterinnen ergaben sich folgende subjektiv wahrgenommene Unterschiede zwischen Frauen und Männern:

Zur Motivation von Frauen und Männern in der Pflege

Die Entscheidung, einen Pflegeberuf zu ergreifen, ist vor allem bei Männern nicht erste Wahl. Männer kommen nach wie vor zu einem großen Teil über den Sanitätsdienst beim Bundesheer oder Zivildienst zum Pflegeberuf, wo erste Erfahrungen gesammelt und für sie das Berufsbild des Pflegers erfassbar wird.
Bei Frauen war der Pflegeberuf hingegen für 2/3 der Befragten erste Wahl. Dabei ist kein deutliches Grundmus­ter in der Motivation zu erkennen. Von „Zufall“ über, „konnte mich nicht in einem Büro vorstellen“, oder „wollte als kleines Kind schon Krankenschwester werden“, ist alles zu vermerken. Grundsätzlich wird der sozialen Komponente und Berufung  mehr Bedeutung beigemessen als bei männlichen Kollegen. Bei Männern fällt auf, dass kaum einer von Berufung spricht, höchstens als Erkenntnis im Nachhinein.
Unterscheidet man zwischen einem pragmatischen Ansatz und einem sozial motivierten Ansatz, lässt sich bezüglich Motivation und weiterer Berufslaufbahn Folgendes erkennen:
Von jenen, für die der Kontakt mit den Patienten einen Hauptgrund darstellt, den Pflegeberuf zu wählen, wird ein Aufstieg seltener angestrebt. Interessanterweise war bei den weiblichen Führungskräften der Pflegeberuf häufig die erste Berufswahl.

Reaktion der Umwelt

Die Entscheidung von Männern, einen Pflegeberuf zu ergreifen, ist in unserer Gesellschaft nach wie vor ungewöhnlich und ruft oft gegensätzliche Reaktionen hervor, da der Pflegberuf noch sehr traditionell mit Bildern eines Frauenberufes assoziiert wird. Von männlichen Pflegern selbst wird der Beruf jedoch selten als Frauenberuf klassifiziert, diesbezüglich wird auf die Differenzierung „Frauenberuf“ und „frau­endominierter Beruf“ hingewiesen.
Was ändert sich mit den neuen Generationen an Krankenschwestern und Pflegern?  Nehmen Männer vermehrt die Möglichkeit wahr, sich zum Pfleger ausbilden zu lassen? Die Daten weisen eine wellenförmige Anstiegs- und Reduktionskurve auf. Im Schnitt der letzten 5 Jahre beträgt der Anteil der männlichen Schüler in ganz Österreich 5-10% und das Durchschnittsalter beläuft sich auf 19 Jahre. Auch bei den SchülerInnen wird der Trend zur „reiferen“ Generation festgestellt. Die Dropout-Rate ist sehr hoch und liegt bei beiden Geschlechtern bei ca. 30%, wobei jüngere schneller das Handtuch werfen.

Ausbildung

Der durchschnittliche Männeranteil der Lehrenden bei den Pflegeschulen in Wien, NÖ und OÖ liegt bei 26%. Es fällt aber auf, dass manche Schulen keine männlichen lehrenden Mitarbeiter beschäftigen. Der Männeranteil am Pflege-Universitätslehrgang ist mit 43%  im Vergleich zum Anteil von 5-10% unter den Auszubildenden für die allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege hoch. Der Anteil der Männer in der psychiatrischen Pflege beträgt 17,5%.

Berufslaufbahn in der Pflege

Nach Erlangen des Pflegediploms führt der Weg mehrheitlich ins Krankenhaus. Konsens besteht darüber, dass Frauen und Männer andere Karrierewege einschlagen und dass Pfleger zu Sonderabteilungen wie Intensiv-, Anästhesie- oder Dialyseabteilungen tendieren.
Der Männeranteil in der mobilen Pflege ist dagegen mit 2,8% auffallend gering. Statistische Analysen zeigen, dass Männer in der mobilen Pflege häufig leitende Funktionen einnehmen.

Chancengleichheit in den Organisationen für Führungspositionen


Es ist sehr seltsam, dass ein System mit gleicher Arbeit, gleicher Gehaltsstufe und gleichem Geld eigentlich keine Ungleichheit produzieren könne und es aber trotzdem tut.
Frauen streben einen beruflichen Aufstieg jedoch seltener an als Männer. Männern ist die ausschließliche Pflege rasch zu wenig, sie versuchen entweder mehr administrative Tätigkeiten zu erhalten oder bewerben sich für eine höhere Position.
Häufig wird festgestellt, dass sich Frauen Führungsaufgaben nicht zutrauen, dass sie vor der Verantwortung oder dem administrativen Mehraufwand zurückschrecken und freiwillig in der zweiten Reihe verbleiben. Um Frauen in Führungspositionen zu bringen, braucht es daher zusätzlich Motivation, Ermunterung und Ansporn. Weitgehend müssen sie sich noch immer zwischen Familie und Berufskarriere entscheiden.
Im Wiener Krankenanstaltenverbund sind Führungskräfte in den Pflegediensten zu 78% weiblich. In Intensiv-, Anästhesie, Dialyse- und OP-Einheiten beträgt der Anteil der weiblichen Führungskräfte 63%. Der Anteil von männlichem Pflegepersonal auf diesen Spezialstationen beträgt dagegen in Wien, NÖ und OÖ  44% im Gegensatz zu etwa 8% auf Allgemeinstationen.

Familien/Freizeitkomponente/Karenz


Im Pflegeberuf herrscht eine der höchs­ten Scheidungsraten  (Ärzte, Rechtsanwälte, Polizei führen die Statistik an). Von vielen Beschäftigten werden die 12-Stunden-Dienste gegenüber den 8-Stunden-Diens­ten vorgezogen, weil dies ermöglicht, mehr arbeitsfreie Tage zu haben. Für viele ist es kaum vorstellbar, 5 Tage in der Woche jeweils für 8 St. in der Arbeit zu sein. Die Pausen zwischen den Diensten werden geschätzt und nehmen auch Einfluss darauf, keine Führungs- und Leitungsverantwortung zu übernehmen.
Betrachtet man die Berufsverläufe ist die Frage nach kinderbezogenen Unterbrechungen  relevant, wenn es um Chancengleichheit geht. Für Männer ist Karenz kein großes Thema.
Ungefähr zwei Drittel aller befragten Frauen in der Pflege haben Kinder. Die kinderlosen Frauen haben gemeinsam, dass sie zu 75% der Meinung sind, dass eine Vereinbarkeit ihres Berufes mit Kindern nur sehr schwer möglich ist. Führungskräfte in der Pflege sind zu 65% kinderlos. Der Anteil der kinderlosen Führungskräfte ist in den letzten Jahren zurückgegangen.

Die Situation bei ÄrztInnen


Die Medizinische Fakultät der Universität zu Lübeck, die Universität Göttingen und das Universitätsklinikum Charite Berlin analysierten die Arbeitssituation von Ärztinnen und Ärzten. Diese Fragebögen wurden auch zur Befragung an Intensivstationen in Österreich verwendet. 385 Fragebögen aus Deutschland und 173 Bögen aus Österreich konnten ausgewertet werden.

Beruf oder Familie?

Von den 558 befragten Personen waren 301 (53%) verheiratet. Ärzte (66%) waren  häufiger verheiratet als Ärztinnen (34%).
Von 253 befragten Frauen haben 69 Kinder (27%). Von diesen haben 58% ein Kind und 37% zwei Kinder. Ärzte haben deutlich häufiger 3 Kinder (20%) als Ärztinnen (5%). Schon bei zwei Kindern gibt es eine deutliche Differenz (65% zu 37%).
Bei der Frage, ob ihnen durch die Kinderbetreuung berufliche Nachteile entstanden sind, haben nahezu 70% aller weiblichen Befragten mit ja geantwortet, gegenüber nur 14% der männlichen Befragten.
Eine weitere Frage lautete, ob die ÄrztInnen glauben, dass ihnen durch Kinder grundsätzlich berufliche Nachteile entstehen. Hier war das Antwortverhalten noch deutlicher: 92% der Ärztinnen bejahten die Frage gegenüber 25% ihrer männlichen Kollegen. Dieses Antwortverhalten könnte auch eine Erklärung für die geringen Geburtenquoten bei Akademikerinnen sein. Die berufliche und familiäre Doppelbelastung wird auch bei der Frage nach Teilzeit deutlich. Nur ein Arzt gab an, in Teilzeit beschäftigt zu sein, dagegen 16% der Ärztinnen.

Die Habilitation ein Auslaufmodell?


Lediglich 13% der Ärztinnen wollen sich habilitieren, während 42% der Ärzte eine Habilitation anstreben. Die geringe Habilitationsquote bei Ärztinnen spiegelt sich auch in der sons­tigen Forschungsaktivität wider. Hierbei spielen beispielsweise die Besuche von Fachkongressen eine Rolle. Zwar besuchen Frauen wie Männer nahezu ähnlich oft Kongresse, doch treten Männer wesentlich häufiger als Referenten (81%) auf als Frauen (19%) (Abbildung). Zur Analyse wurden die Kongresse DIVI 2006/2008, WIT 2006/07/08 und AIC 06/07/08 herangezogen.
Die Gründe dafür, welche von Ärztinnen genannt werden, sind mangelnde Unterstützung bzw. Freistellung von der Basis-Krankenversorgung, unflexible Kinderbetreuungszeiten, zuwenig Hort- und Krippenplätze, aber auch mangelndes Interesse an wissenschaftlichen Arbeiten an sich.
Einen wesentlichen Karriereknick stellt also die Kinderbetreuung dar. Die immer wieder politisch gebetsmühlenartig beschworenen Absichtserklärungen reichen eben nicht aus. Ein gut ausgebautes Kindergarten-System fehlt bislang. Dies ist eine große Hürde für die berufstätigen Frauen. Gute Kindergärten sind ein Basis-Service einer modernen Gesellschaft und das bietet Chancengleichheit.

Sind Quoten die Lösung?

Für mich haben Quotenregelungen grundsätzlich einen negativen Beigeschmack. Quote heißt, dass jemand genommen wird, der nicht geeignet ist. Ich persönlich würde dies als Diskriminierung ansehen. Wenn man tatsächlich will, dass man Frauen in Top- Positionen haben will, wird man sie auch finden. Überbewertet wird von Entscheidungsträgern oft der ökonomische Aspekt: Die Zuständigkeit für die Kinder liegt jedoch größtenteils noch immer bei der Frau.
Sicherlich kann man auch die Ansicht vertreten, eine zwingende Quotenregelung sei notwendig, um die unbefriedigende Situation tatsächlich zu ändern. Egal, ob eine Führungsposition von einem mittelmäßig qualifizierten Mann oder einer Frau besetzt wird, Hauptsache ist, die Quote wird erfüllt.
Ein bisschen liegt es aber auch an den Frauen selbst. Wenn ein Mann eine Stelle angeboten bekommt, sagt er sofort zu und wundert sich, wieso er nicht schon längst befördert wurde. Bietet man die Stelle einer Frau an, fährt ihr der Schreck ins Gesicht und sie fragt sich, „wie soll ich das meiner Familie beibringen“, und traut sich das oft nicht wirklich zu.
Eine Quote erhöht die Zahl der Frauen in Führungspositionen, aber nicht die Qualität. Qualifizierung ist für mich wichtiger als das Geschlecht, und hier könnte man mit der Diskussion wieder von vorne beginnen. Im Leben erfolgreich zu sein, lässt sich nicht auf das Geschlecht oder auf Äußerlichkeiten, Geld, Status und Karriere reduzieren.
Ganz jenseits vom Gender-Aspekt kann jeder ein gelungenes Leben haben,  privat und beruflich. Viele Menschen erkennen ihre Stärken, doch nur wenige haben die Kraft, ihr Leben danach zu richten. Und obwohl es einfach klingt: Sich dem zu widmen, was man am liebsten tut und am besten kann; die Arbeit, zu der man sich eigentlich berufen fühlt, traut sich nicht jeder zu. Viele finden die Gefahr zu scheitern zu groß, oft zu stark ist das Gefühl, nicht das notwendige Selbstvertrauen dafür zu haben.
Jemand, der erfolgreich ist, muss aber nicht zwangsläufig glücklich sein. Der Preis, der für Erfolg und Karriere bezahlt wird, ist häufig sehr hoch. Wenn wir in dem, was wir tun, aufgehen, empfinden wir Zufriedenheit. Gratulation all jenen, die ihren persönlichen Lebensweg zielstrebig gehen und wissen, was sie wollen.

(nach einem Vortrag bei den WIT-2009)

Influence du genre

Le genre – dans le sens de «sexe social» – est une notion de plus en plus courante aujourd’hui. Il ne s’agit pas de la différence biologique entre hommes et femmes, mais de l’identité sexuelle en tant que catégorie sociale.

Il est indéniable que l’égalité des droits et des chances est impor­tante. Chaque personne doit pouvoir vivre à sa propre façon.
Dans le domaine des soins infirmiers – avec une proportion largement plus élevée de femmes que d’hommes – l’aspect du sexe social ne peut pas être ignoré.

La décision d’apprendre le métier d’infirmier/d’infirmière n’est souvent pas le premier choix chez les hommes, mais elle l’est chez 2/3 des femmes. Ces dernières attachent davantage d’importance à la composante sociale et à la vocation que leurs collègues masculins. On considère unanimement que les femmes et les hommes poursuivent des voies différentes dans leur carrière. Les hommes tendent davantage à rejoindre des unités spécialisées telles que les soins intensifs, l’anesthésie ou la dialyse. Par contre, le pourcentage d’hommes dans le domaine des soins à domicile est remarquablement faible.

Les femmes s’efforcent plus rarement que les hommes de monter en grade. Les hommes, eux, ne se contentent pas longtemps des seuls soins infirmiers: soit ils cherchent à obtenir davantage de tâches administratives, soit ils s’efforcent d’obtenir un poste supérieur. On constate souvent que les femmes n’osent pas se charger de tâches de direction, qu’elles reculent devant la responsabilité ou le travail administratif et consentent ainsi à rester au deuxième rang. À cela vient s’ajouter le choix entre la famille et la carrière professionnelle.

Les femmes médecins sont nettement moins souvent mariées que leurs confrères. Environ ¼ d’entre elles ont des enfants. À la ques­tion si elles ont eu des inconvénients dus à leur rôle auprès des enfants, presque ¾ ont répondu par «oui». Parmi les médecins de sexe mas­culin, ce n’était le cas que chez un faible pourcentage. Un système de jardins d’enfants bien organisé avec une bonne disponibilité n’existe pas à ce jour. Il offrirait une meilleure égalité des chances à beaucoup de femmes qui travaillent.

Une discrimination positive pour compenser ces problèmes ne signifie pas forcément que la personne choisie soit inappropriée. Si les femmes désirent remplir des fonctions dirigeantes, elles les obtiendront.
 
 

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